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Ort: Badisches Staatstheater Karlsruhe
Richard Wagner (1813–1883) ist bis heute einer der meistdiskutierten Komponisten. Sein Werk ist musikalisch revolutionär, aber seine Person ist politisch und ideologisch hoch problematisch. Diskutiert werden insbesondere
- seine Nähe zum deutschen Nationalismus und die spätere Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus und
- sein Antisemitismus (Schrift „Das Judenthum in der Musik“) und die Frage, ob bzw. wie man seine Opern heute aufführen soll (siehe auch „Musikwissenschaft Leipzig“).
Angesichts dieses Hintergrundes ist die Gruppe unserer elf Opernfreunde recht gespannt, was sie vom Karlsruher Ensemble erwarten darf. Und tatsächlich wird niemand enttäuscht, wartet doch diese Aufführung bereits zu Beginn mit einer Überraschung auf: Der Retter von Elsa (Pauliina Linnosaari) und Beschützer von Brabant entsteigt dem Publikum und nicht einem irgendwie gearteten Nebel. Mithin ein Fremder will und wird der Retter sein (Mirko Roschkowski als Lohengrin) und im Kampf über den Gegenspieler Telramund (Kihun Yoon) obsiegen. Was bleibt: Der von Elsa geleistete Schwur, Lohengrin nie nach dem wahren Namen und seiner Herkunft zu befragen, steht nunmehr bedrohlich im Raum. Und der Erbe des verstorbenen Herzogs von Brabant, Gottfried (Phillip Hohner), bleibt verschwunden.
Erfrischend macht sich die Regie von Manuel Schmitt auch weiterhin auf den Weg, den bekannten Wagner-Mythos aller Illusionen zu berauben. Allgegenwärtige Gefahren autoritärer Herrschafts- und Gehorsamsstrukturen, insbesondere bei den Massenszenen, werden schonungslos aufgezeigt. Unterstützt wird diese Dekontaminierung Lohengrins von einer nationalsozialistisch geprägten Architektur des Bühnenbildes und den an die 30er Jahre erinnernden Kostümen – Julius Theodor Semmelmann (Bühnenbild) und Carola Volles (Kostüme).
Es ist nunmehr an Ortrud (Dorothea Spilger), der ebenfalls verbannten Frau des Gegenspielers Telramund, Elsas Vertrauen zu gewinnen und Zweifel an dem Charakter wie der Herkunft des fremden, jetzt vom Volk so gefeierten Anführers zu schüren. Gilt es doch, den Unbekannten – wenn nicht im Zweikampf, so doch im Zuge der Intrige – zu Fall zu bringen. Noch hält Elsa stand, bekräftigt ihr Vertrauen und die Brabanter sind bereit, ihrem neuen Helden in den anstehenden Krieg zu folgen.
In der Dramatik angelegt, folgt das Unausweichliche: Elsa stellt die verbotene Frage! Dem Ritter des heiligen Grals und Sohn des Gralskönigs Parzival bleibt daraufhin nur, sich zurückzuziehen – ohne Pomp steigt er entschlossen zurück ins Publikum. Jedoch nicht ohne zuvor Gottfried (Phillip Hohner), den von Ortrud (Dorothea Spilger) verwunschenen Erben, zu befreien und dem verwirrten Volk als neuen „Führer“ vorzustellen.
Die Debatte wird sicher weiter fortgeführt, ob und wie man Wagners Werk von der Person trennen kann: Einerseits genießt die Musik höchste Anerkennung, andererseits stehen Antisemitismus und politische Vereinnahmung im Raum.
Doch uns Opernfreundinnen und Opernfreunden schien es, als sei es Manuel Schmitt gelungen, das Stück als Mahnung vor möglichen, sich bereits am Horizont abzeichnenden autoritären Herrschaftsstrukturen zu begreifen. Denn an dieser Aufführung war nichts Heroisches:
- Ein Grab, eingesetzt als wiederkehrender Mittelpunkt der Bühne (Brabant oder Wagner).
- Ein Schwan, ursprünglich ein Symbol der Verbindung von historischen wie mythischen Welten, erscheint mit Holzflügeln statt strahlendem Federkleid.
- Lohengrin (Mirko Roschkowski), ansonsten eine Lichtgestalt verkörpernd, ist nur Gutmensch aus den Händen der Massen.
- Und Elsa (Pauliina Linnosaari), die schon zum Ende des zweiten Aktes Distanz hält, bleibt die Augenhöhe zu ihrem Retter verwehrt.
Vielleicht haben all die anderen Mitglieder unserer Gesellschaft Wagner und die aus seiner Feder stammende Oper „Lohengrin“ nun doch schon zu häufig gesehen? Uns aber – der kleinen Gruppe von Opernfreundinnen und Opernfreunden – wurde ein großartiges Opernerlebnis zuteil. Das ließen auch die vielfältigen Gespräche während der Heimfahrt erkennen, in denen wir immer wieder neu Personen, Rollen, Kostüme und Bezüge zu deuten und zu erklären versuchten. Das Studium des gut gemachten Programmheftes wird sich sicher lohnen.
Was bleibt: Herzlichen Dank an das Ensemble, an die Sängerinnen und Sänger der Chöre (Badischer Staatsopernchor und Cantus Juvenum Karlsruhe e. V.) und die gut aufgelegten Musikerinnen und Musiker der Badischen Staatskapelle.