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OPERN- UND KULTURFAHRTEN

04 Okt 2026
Ort: Festspielhaus Baden-Baden
20 Dez 2026
Ort: Festspielhaus Baden-Baden

(Reservierung möglich bis 15.10.2026)

27 Feb 2027
Ort: Badisches Staatstheater Karlsruhe

(Reservierung möglich bis 26.11.2026)

26 Mär 2027
Ort: Festspielhaus Baden-Baden

(Reservierung möglich bis 08.12.2026)

Rückblick

Samstag, 08.08.2026

Oper La traviata

Seebühne Bregenz

© Die Reihen füllen sich… | Rainer Koßmann

Oper „La Traviata“ von Giuseppe Verdi auf der Seebühne Bregenz

Mit der schon fast sprichwörtlichen Vorfreude auf den nahenden Opernabend starteten 12 Opernfreundinnen und Opernfreunde pünktlich vom Parkplatz an den Donauhallen. Auch der traditionelle Halt am Kloster Birnau wurde wieder mit Freude, einem Gläschen Sekt oder Selter und je einer Brezel angenommen.

So gestärkt, ging es entspannt weiter Richtung Bregenz. Beide Fahrzeuge erreichten die Festspielstadt recht früh, um allen Beteiligten bei den recht hohen Temperaturen in eher stickiger Luft eine kleine Phase der Akklimatisierung wie der Einstimmung auf das nahende Opernereignis zu ermöglichen. Dem recht frühen Eintreffen zum Trotz waren alle Parkplätze bereits belegt. Dies war sicher den zahlreichen Badegästen, dem Fußballspiel von Schwarz Weiss Bregenz gegen Kapfenberg (Glückwunsch für das 3:2) wie auch der „Coolsten Open-Air Party an der Beachbar“ Bregenz geschuldet: Doch die beiden Fahrer hatten Glück: Sie fanden abseits des Geschehens zwei Parkplätze und nach der Oper auch kein „Knöllchen“ an der Windschutzscheibe.

Glück verhieß auch der Opernabend auf der Seebühne, gelangte doch Verdis Melodrama „La Traviata“ in der 80jährigen Geschichte dieses Festivals erstmalig zur Aufführung. Ob dies ein Versäumnis darstellt, darüber kann man trefflich streiten. War zum Abschluss der Oper dem einen oder anderen die Freude über deren Umsetzung ins Gesicht geschrieben, ließen die Falten auf der Stirn der anderen Fraktion erkennen, dass diese nicht wirklich deren Zustimmung gefunden hatte.

Schon beim „Freischütz“ war das Wasserbecken vor dem Bühnenraum in das Geschehen einbezogen worden. Dies löste bei der aktuell vorliegenden Oper – gelinde formuliert – einigermaßen Irritation aus.

Zwar muss zugegeben werden, dass der Einbezug des Wassers in die Szenerie des ersten Aktes dadurch Wirkung zu entfalten vermochte: So hatten sich Regisseur Damiano Michieletto und Bühnenbildner Paolo Fantin entschlossen, das glanzvolle Fest der Halbweltdame „Violetta Valery“ – gesanglich herausragend durch die Sopranistin Stacey Alleaume umgesetzt – mit unterschiedlichen Facetten eines Wasserballetts und den beleuchteten Fontänen am Ende des ersten Aktes zu untermalen. Spielfläche und Kulisse zugleich bot dies Treiben vor dem imposanten, aber zerbrochenen Spiegel ein durchaus schön anzuschauendes Gesamtbild. Nur wer bitte ist in all dem Gewusel und den glitzernden Kostümen – zuständig Carla Teti – nun „Alfredo Germont“? Eine Rolle, die an diesem Abend übrigens vom Tenor Long Long facettenreich gespielt und gesungen wurde.

Spätestens mit dem zweiten Akt jedoch bräuchte es das Wasser nicht mehr, um die tiefere Botschaft der Oper über universell geltende menschliche Themen zu vermitteln. Der Spiegel trifft es: zerborsten und somit Symbol für das durch Krankheit und gesellschaftliche Konventionen zerstörte Leben Violettas. Das Wasser hingegen trifft es nicht: Oder warum watet Alfreds Vater – trefflich umgesetzt vom Bariton Vladimir Stoyanov – mit einem Koffer durch eben dieses, um aus der Ferne Violetta aufzufordern, Alfred freizugeben? Denn diese unselige Verbindung bringe seine Familie in Verruf und gefährde die bevorstehende Heirat seiner Tochter.

Es ist diese Distanz, die nicht so recht passen will, selbst wenn man zugutehalten möchte, dass die Mitglieder der Familie Germont – Alfredo wie Giorgio – sich eher nicht durch Feinfühligkeit und Nähe auszeichnen. Die Handelnden wirken durch die ihnen zugewiesenen Positionen auf der Bühne häufig statisch. Daran ändern weder die weiteren Räume etwas, die sich hinter den Scherben des Spiegels öffnen, noch vermag das Durchschreiten des Bühnenraums oder das Betreten der Spiegelinseln im Wasser diesen Eindruck aufzuheben. 

Und auch die Reue der beide Germonts vermag daran wenig zu ändern. Eine Reue zumal, die sie erst nach dem von Alfredo verursachten Eklat empfinden: dem Herunterreißen des Kleides und der damit erfolgten Offenlegung der Erkrankung Violettas.




© Schlussbild | Rainer Koßmann

Auch im dritten Akt löst sich diese Ferne selbst im Moment der versöhnenden Umarmung des Paares nicht auf: Violetta entschwindet zum Sterben auf eine der Scherben im Wasser - Einsamkeit. Verweilen wir angesichts dieser Ferne der Akteure lieber noch einen Moment beim Bühnenbild: Eine übergroße schwarze Kugel löst sich aus dem Spiegel und bewegt sich in Richtung der Szenerie. Ja, durchaus eine „Metapher für das Schicksal, das Violetta unaufhaltsam zerstören wird“1. Ist aber diese Metapher wirklich „genutzt“ worden?

Hervorzuheben ist allerdings die Umsetzung der abschließenden Szenerie mit Stehlampen, Sesseln und Blumensäulen, die angesichts des nahenden Endes Violettas für eine durchaus morbide Stimmung sorgen. Dazu tragen die musikalische Umsetzung der Wiener Symphoniker ebenso trefflich bei wie auch die beiden Chöre (Bregenzer Festspielchor und Prager Philharmonischer Chor). Dies gilt so auch für den gesamten Abend.

Und was wäre aus manch einer Szene geworden, wären da nicht die Einspielungen auf dem Spiegel gewesen, die hier und da die Wärme und Nähe vermittelten, denen auf der Bühne kein Raum gegeben wurde. Oder um es mit den Worten von Alexander Dick zu schreiben: „Was der Inszenierung […] den ganzen Abend über nicht gelingt: aus den agierenden Figuren Menschen aus Fleisch und Blut zu machen“2.

© Abschied des Ensembles | Rainer Koßmann

Vielleicht ist Applaus tatsächlich ein guter Indikator für die Freude auf der einen, wie für die Nachdenklichkeit auf der anderen Seite: Er fiel – wie gewohnt – kräftig aus, doch rechte Euphorie kam nicht auf – und so blieb man halt sitzen.

Dafür, dass während der gesamten Oper Techno-Musik von der „Beachbar Bregenz“ herüber schallte und die leisen Töne stellenweise sogar überdeckte, kann der Veranstalter nichts. Und dass hinter mir ein Kunstliebhaber eben diese Zeit dazu nutzte, seine Aufmerksamkeit regelmäßig auf die mitgeführten Chipstüten zu richten, kann der Veranstalter, dafür kann Bregenz nichts.

Bregenz kann aber sehr wohl etwas für den Erfolg dieser Umsetzungen von Oper, mögen diese einem nun gefallen oder nicht. Der Erfolg gibt Bregenz jedenfalls recht: Die Vorstellungen dieser Saison sind ausverkauft. Das spricht zumindest für den großen Zuspruch des Publikums. Oder – wie es Alexander Dick wieder zutreffend formuliert – „der Ort und seine Aura sind einzigartig – und letztlich fährt man genau deswegen nach Bregenz.“3

Die Rückfahrt gestaltete sich absolut unproblematisch und war wieder begleitet von vielerlei Diskussionen und Abwägungen ob des an diesem Abend Gesehenen, Erlebten, Gehörten…

(Zitate aus der Rezension von Alexander Dick – 1 bis 3 [Badische Zeitung])

Sonntag, 26.04.2026

Oper „Fin de partie“ von György Kurtág

Theater Basel

Es ist schon ein besonderes Ereignis, in einem renommierten Opernhaus das Werk eines noch lebenden, just 100 Jahre alt gewordenen Komponisten (19.02.1926) kennenzulernen. Mit der Komposition seines auf Samuel Becketts Endspiel beruhenden Einakters „Fin de partie“ hatte sich Kurtág viel Zeit gelassen. In einem Brief an das Theater Basel vom 10. April 2026 schrieb er „Fin de partie ist das Ergebnis eines langen Weges, der mich seit mehr als 60 Jahren mit der Welt Samuel Becketts verbindet. Ich bin all jenen dankbar, die dieses Werk auf der Bühne zum Leben erwecken. Für mich ist dieses Stück eine Geschichte der Aufmerksamkeit, des Hörens und des Miteinander-Seins.“ Die Premiere der Oper fand 2018 in Mailand statt – dem 93. Lebensjahr des Komponisten.

© Fin de partie | Ingo Höhn

Becketts berühmtes Stück des absurden Theaters (Uraufführung 1957) als zeitgenössische Oper erleben zu dürfen, erschien uns auch angesichts des erfahrenen ungarischen Komponisten spannend genug, diese Opernfahrt zum Theater Basel anzubieten. Auch wenn wir eingestehen müssen, dass uns die Kombination absolut trostloser Endzeitstimmung verbunden mit mutmaßlich schwer zugänglicher Musik schon vor dem Besuch nicht gerade heiter stimmte.

Doch die Fahrt nach Basel hat sich allemal gelohnt. David Marton (Regie) und Márton Ágh (Bühne und Kostüme) haben den Schauplatz der Handlung von einem dunklen Keller im Nirgendwo auf die Dachterrasse eines Hauses irgendwo in einer großen Stadt verlegt. Unter freiem Himmel ist vieles deponiert: Gegenstände die gealtert und nutzlos geworden sind, die sich dem Ende nähern oder eben am Ende sind. Es ist die Kulisse für die Beziehungen von vier Menschen mit ihren Erinnerungen und ihren Abhängigkeiten. Es ist die postapokalyptische Umgebung des Wartens auf das Ende, das Ende der Welt, das Ende ihres Lebens?

 

© Fin de partie | Ingo Höhn

Hamm (Nathan Berg), blind und gelähmt, auf ein Sofa gefesselt, ist abhängig von seinem Diener Clov (Michael Borth), dem einzigen, der sich zeitweise rastlos über die Dachterrasse bewegt. Clov ist psychologisch wie existentiell abhängig von Hamm, von dem er sich lösen will. Er will nur weg, was ihm aber nicht gelingt. Bei Beckett ohne Beine in zwei Mülltonnen lebend, tauchen die Eltern von Hamm, Nell (Ursula Hesse von den Steinen) und Nagg (Ronan Caillet), in der szenischen Umsetzung der Oper immer wieder mit ihren Köpfen aus den Lumpen des Sofas auf. Alle sind voneinander abhängig. Zwischen diesen Personen entwickeln sich Dialoge, bruchstückhaft, gefüllt mit Gedanken und Gefühlen, mit Nostalgie, mit Zuneigung, Ablehnung, mit Erinnerungen an Erlebtes, mit Witz, aber auch mit Sarkasmus und Bitterkeit.

Gesungen wurde in französischer Sprache, der Sprache Becketts in seinem Drama „Endspiel“. Um tatsächlich den Sinn des Stückes zu erfassen, musste der Hörer und Zuschauer konzentriert den Übertiteln folgen. Und wenn es dann gelang, tatsächlich den Text mit den handelnden Personen und dem Bühnenbild zu verbinden und man dann Kurtágs Musik aufmerksam folgte, wurde die Aufführung ein fesselndes, wenn auch ein erwartet sehr dunkles Gesamtkunstwerk.

Kurtágs Werk, als Schweizer Erstaufführung von einem großartigen Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Gábor Káli dargeboten, war spannend und sehr akzentuiert. Einzelne Töne, aber auch präzis platzierte Pausen hatte Kurtág sicher gezielt gesetzt. Praktisch nie hörten wir das gesamte Orchester, oft nur einzelne Instrumente oder kleine Instrumentengruppen. Es war eine Musik, die dem Geschehen und der dunklen Atmosphäre eine große Spannung und auch Fülle gab. Gelegentlich tauchte am wechselnd hellen Himmel ein Vogelschwarm auf, was der Illusion eines beginnenden neuen Tages Nahrung gab: Gibt es vielleicht doch eine Zukunft?

© Fin de partie | Ingo Höhn

„Fin de partie“, ganz sicher auch eine offene Frage. Für einen der Protagonisten gab es dann doch ein Ende. Clov, Hamms Diener sprang schweigend über die Brüstung in die Tiefe. Und zum Schluss dann noch eine Überraschung: Nach gut 120 Minuten erschien auf der nun stillen und unbewegten Bühne ein Kind. War dies ein Hoffnungsschimmer oder nur ein Hinweis auf ein neues Kapitel in einem ansonsten nicht enden wollenden trostlosen Spiel?

Die Atmosphäre der Oper wirkte immer düster und deprimierend. Aber wenn Kurtág mit seiner Komposition die Philosophie einer literarischen Epoche beschreiben wollte, dann ist ihm das gelungen. Und selbstverständlich auch dem gesamten Team. Oper muss nicht nur Nationalismus, Revolution, Heldentum, Moral, Leidenschaft und Intrige zeigen, Oper kann auch Spiegel einer gesellschaftlichen oder literarischen Epoche sein. Hierfür gibt es ja genügend Beispiele.

Würden wir nochmals einen Besuch wagen? Wir denken ja! Die Musik war neu, ungewohnt, aber fesselnd. Die Inszenierung war eindrucksvoll. Vielleicht müsste sogar ein zweiter Besuch dieser Oper gewagt werden, denn wir haben möglicherweise doch noch nicht alles verstanden…

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